Gesundheitsdaten im Netz


Stand E-Health in der Schweiz

Am 5. und 6. März 2009 fand in Bern das Swiss E-Health Forum im Rahmen der InfoSocietyDays (früher Telematiktage Bern) statt. An diesem Forum wurde unter anderem darüber diskutiert, wie weit die E-Health-Strategie in der Schweiz umgesetzt ist und was dabei gut und was eher schlecht läuft. (Dokumentation Rückblick Swiss E-Health-Forum 2009)

Die E-Health-Strategie der Schweiz wurde im ersten Blog thematisiert. Sie wurde aufgrund der im Januar 2006 vom Bundesrat revidierten Strategie für eine Informationsgesellschaft der Schweiz entwickelt. Die Ziele von E-Health sind „der Schweizer Bevölkerung den Zugang zu einem bezüglich Qualität, Effizienz und Sicherheit hoch stehenden und kostengünstigen Gesundheitswesen zu gewährleisten“. (Bundesamt für Gesundheit – BAG, Strategie E-Health Schweiz, 27.6.2007, S. 2)

Das Fazit des Swiss E-Health Forums ist, dass die Umsetzung der E-Health-Strategie ins Stocken geraten ist. Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte 2010 und des elektronischen Patientendossiers 2015 seien unrealistisch. Das Forum postulierte daher die folgenden drei Punkte:

„1. Die nationale e-Health-Strategie muss gemäss bundesrätlichem Zeitplan umgesetzt werden. Die dazu notwendigen zusätzlichen personellen Ressourcen sind von Bund und Kantonen zu finanzieren.

2. eHealth muss als strategisches Element in der Gesundheitspolitik der Kantone verankert werden. Eine gute Möglichkeit wäre die Lancierung lokaler/regionaler Pilotprojekte.

3. Im Krankenversicherungsgesetz müssen finanzielle Anreize für die Umstellung der Arztpraxen auf eHealth vorgesehen werden, damit die Ärzteschaft die notwendigen zeitlichen und finanziellen IT-Investitionen vornehmen.“ (Dokumentation Rückblick Swiss e-Health Forum 2009)

Kritische Punkte bei der Umsetzung der E-Health-Strategie sind die fehlende Digitalisierung von Daten bei Leistungserbringern (vor allem bei Arztpraxen), die zu hohen Herstellerkosten für die elektronische Gesundheitskarte, die fehlende Akzeptanz von Informations- und Kommunikationstechnologie im Gesundheitswesen und die fehlende Vernetzung sowie die heterogenen Strukturen aller Beteiligten.
(Dokumentation Rückblick Swiss e-HealthForum 2009)

Eine von Ruedi Noser im Nationalrat eingereichte Initiative (Digitale Identität statt Versichertenkarte) verlangt nach einer digitalen Identität. Jede Person soll eine solche digitale Identität erhalten, damit der Zugang zum elektronischen Patientendossier sicher ist. Diese Initiative soll nicht die Versichertenkarte abschaffen, sondern die Umsetzung der E-Health-Strategie vorantreiben.
(http://www.parlament.ch/d/suche/seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20070472 und http://www.bag.admin.ch/themen/krankenversicherung/04108/04457/05143/index.html?lang=de)

Die Gesundheitsdirektorenkonferenz der Kantone und der Bund haben in einer Rahmenvereinbarung die Zusammenarbeit bei der Umsetzung der Strategie beschlossen. Einige Kantone führen bereits Projekte durch.

Im Kanton Tessin wird in Lugano im Projekt Rete sanitaria der Einsatz einer elektronischen Gesundheitskarte mit Mikrochip getestet. Die Erfahrungen sind positiv, jedoch weisen beispielsweise die Patienten ihre Karte beim Arztbesuch nicht spontan vor und auch die Leistungserbringer sind dem Projekt gegenüber nicht nur positiv eingestellt.

Der Regierungsrat des Kantons St. Gallen hat einen Bericht für eine kantonale E-Health-Strategie verabschiedet. Vorgesehen ist, dass bis 2010 alle stationären Einrichtungen (Suchtkliniken, Spitäler, Heime, usw.) im Kanton Patientendaten elektronisch austauschen können.
(TA-Swiss, Zentrum für Technologiefolgenabschätzung, Heilung aus Distanz: Chancen und Risiken der Telemedizin, Kurzfassung der TA-SWISS Studie “Telemedizin”, 2004, Seite 7)

E-Health ist in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Die Technologien für E-Health wären vorhanden, doch ist aufgrund der föderalistischen Strukturen ein einheitliches Vorgehen schwierig. Auch finanzielle Probleme hindern ein Vorankommen. Verschiedene Gremien und Organisationen (siehe Blogroll in diesem Blog) wurden gegründet, um die Umsetzung der E-Health-Strategie voranzutreiben. Denn um den Anschluss an Europa nicht zu verlieren, ist die Umsetzung der e-Health-Strategie sehr wichtig.

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Telemedizin = E-Health?

Die Telemedizin ist ein Teilgebiet der Telematik. (http://de.wikipedia.org/wiki/Telemedizin) Der Begriff Telematik besteht aus den beiden Begriffen Telekommunikation und Informatik. Die Telematik verknüpft zwei oder mehrere EDV-Systeme mit Hilfe eines Telekommunikationssystems und einer speziellen Datenverarbeitung. (http://de.wikipedia.org/wiki/Telematik)

Telemedizin bezeichnet die Behandlung über Distanz. Die Kommunikation zwischen Patient und Arzt erfolgt dabei über elektronische Medien (Mail, Chat, usw.) und über traditionelle Kommunikationsmedien (Post, Fax, Telefon, usw.). Auch die Leistungserbringer kommunizieren untereinander über Medien. (TA-Swiss, Zentrum für Technologiefolgenabschätzung, Heilung aus Distanz: Chancen und Risiken der Telemedizin, Kurzfassung der TA-SWISS Studie „Telemedizin“, 2004, Seite 1)

Telemedizin wird in wenig dicht besiedelten Gebieten wie beispielsweise Norwegen eingesetzt, um eine medizinische Beratung zu gewährleisten. Negativ an der Telemedizin ist, dass die Therapiemöglichkeiten beschränkt sind, weil der Spezialist nicht vor Ort ist. In Gebieten mit einer flächendeckenden medizinischen Versorgungsmöglichkeit dient die Telemedizin der Qualitätsverbesserung (Einholen einer Zweitmeinung) und Ausbildungs- und Weiterbildungszwecken. (http://de.wikipedia.org/wiki/Telemedizin)

Anwendungsbeispiel der Telemedizin ist beispielsweise ein Call-Center wie Medi24, bei welchem erkrankte Leute eine erste medizinische Beratung erhalten, bevor sie den Arzt für einen Termin kontaktieren, oder auch Adressen von Spezialisten nachfragen können. Die Beraterinnen und Berater sind ausgebildete medizinische Fachkräfte. Mit diesen Call-Centern kann häufig eine Notfallkonsultation in Spitälern und bei Ärzten vermieden werden, weil während der Beratung klar wird, dass eine Arztkonsultation gar nicht nötig ist.
In Genf wird im Projekt „e-toile“ ein computerbasiertes Patientendossier erarbeitet. Alle Daten aus verschiedenen Gesundheitsinstitutionen werden in diesem Dossier zusammengefügt. Die Patienten können mit einer Zugangskarte bestimmen, wer Zugang zu diesem Patientendossier haben soll. (TA-Swiss, Zentrum für Technologiefolgenabschätzung, Heilung aus Distanz: Chancen und Risiken der Telemedizin, Kurzfassung der TA-SWISS Studie „Telemedizin“, 2004, Seite 2 und 4) Im November 2008 wurde in Genf das Gesetz über das elektronische Patientendossier für medizinisch-pflegerische Leistungserbringer vom Grossen Rat verabschiedet. Ab 2009 ist das Testen von einem elektronischen Patientendossier in Genf gesetzlich erlaubt. (http://www.bag.admin.ch/themen/krankenversicherung/04108/04457/05585/index.html?lang=de)

E-Health wird von der EU wie folgt definiert: “e-Health refers to the use of modern information and communication technologies to meet needs of citizens, patients, healthcare professionals, healthcare providers, as well as policy makers.” (This definition of e-Health was first developed in the e-Health Ministerial Declaration, 22 May 2003, and made during the 2003 e-Health Ministerial Conference) (http://ec.europa.eu/information_society/eeurope/2005/all_about/ehealth/index_en.htm)

Telemedizin ist nicht mit E-Health gleichzusetzen, gehört aber gemäss der obenstehenden Definition zu E-Health.


Die E-Health Strategie in der Schweiz

Was ist E-Health?

Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit ist unter E-Health der „integrierte[n] Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zur Gestaltung, Unterstützung und Vernetzung aller Prozesse und Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Gesundheitswesen“ zu verstehen. (Bundesamt für Gesundheit – BAG, Strategie e-Health Schweiz, 27.6.2007, S. 2)

Die Ausgangslage für die E-Health-Strategie in der Schweiz bildet die im Januar 2006 vom Bundesrat revidierte Strategie für eine Informationsgesellschaft der Schweiz (www.infosociety.ch). Neu in diese Strategie aufgenommen wurde das Kapitel „Gesundheit und Gesundheitswesen“. Die Ziele von E-Health vom Bundesrat sind „der Schweizer Bevölkerung den Zugang zu einem bezüglich Qualität, Effizienz und Sicherheit hoch stehenden und kostengünstigen Gesundheitswesen zu gewährleisten“. (Bundesamt für Gesundheit – BAG, Strategie e-Health Schweiz, 27.6.2007, S. 2)

Die Vision dieser Strategie lautet:
„Die Menschen in der Schweiz können im Gesundheitswesen den Fachleuten ihrer Wahl unabhängig von Ort und Zeit relevante Informationen über ihre Person zugänglich machen und Leistungen beziehen. Sie sind aktiv an den Entscheidungen in Bezug auf ihr Gesundheitsverhalten und ihre Gesundheitsprobleme beteiligt und stärken damit ihre Gesundheitskompetenz. Die Informations- und Kommunikationstechnologien werden so eingesetzt, dass die Vernetzung der Akteure im Gesundheitswesen sichergestellt ist und dass die Prozesse qualitativ besser, sicherer und effizienter sind.“ (Bundesamt für Gesundheit – BAG, Strategie e-Health Schweiz, 27.6.2007, S. 3)

Durch E-Health soll das schweizerische Gesundheitssystem effizienter werden, die Fehleranfälligkeit des jetzigen föderalistisch und kleingewerblich organisierten Gesundheitswesens sollen mittels durchgängigen elektronischen Prozessen reduziert und es soll ein neuer Dienstleitungssektor entstehen, durch welchen nicht nur das Gesundheitswesen optimiert sondern auch die Wirtschaft gefördert werden soll. (Bundesamt für Gesundheit – BAG, Strategie e-Health Schweiz, 27.6.2007, S. 2)

In der E-Health Strategie wird die Informationssicherheit und der Datenschutz als sehr wichtig angesehen und mit höchster Priorität betitelt. Denn die Bearbeitung von medizinischen Daten ist ein Eingriff in die Grund- und Persönlichkeitsrechte der Patientinnen und Patienten. Dieser Eingriff muss legitim sein und daher müssen rechtliche, organisatorische und technische Massnahmen getroffen werden, welche das Vertrauen der Patientinnen und Patienten gegenüber diesen elektronischen Daten über ihren Gesundheitszustand wesentlich beeinflussen werden. (Bundesamt für Gesundheit – BAG, Strategie e-Health Schweiz, 27.6.2007, S. 3)

Die drei Handlungsfelder der Strategie e-Health

Das Handlungsfeld „elektronisches Patientendossier“ hat zum Ziel, dass bis im Jahr 2015 das elektronische Patientendossier in der Schweiz eingeführt ist. In diesem Dossier werden nur die für eine medizinische Behandlung relevanten Daten einer Person elektronisch gesammelt. Unter medizinisch relevante Daten fallen beispielsweise die Krankenakte, Laborberichte, Operationsberichte, Röntgenbilder und andere wichtige digitale Daten von weiteren Untersuchungen. Über eine elektronische Karte (persönliche Gesundheitskarte) kann auf das elektronische Patientendossier zugegriffen werden. (TA-Swiss – Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung, Informationsbroschüre „Unsere Gesundheitsdaten im Netz, E-health publifocus und elektronisches Patientendossier“, 2008, S. 9)

Im Handlungsfeld „Online-Dienste“ geht es um die Bündelung von Gesundheitsinformationen für die Patientinnen und Patienten. Die Informationsflut im Gesundheitsbereich soll bekämpft und die gesicherte Qualität, die Aufbereitung und die Struktur dieser Informationen soll erreicht werden. (Bundesamt für Gesundheit – BAG, Strategie e-Health Schweiz, 27.6.2007, S. 5) Vorgesehen ist ein Gesundheitsportal, in welchem gesundheitsbezogene Internet-Angebote zusammengeführt und mit dem elektronischen Patientendossier verknüpft werden. Durch die Verknüpfung soll es möglich sein, online spezifische Information abzurufen. (TA-Swiss – Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung, Informationsbroschüre „Unsere Gesundheitsdaten im Netz, e-health publifocus und elektronisches Patientendossier“, 2008, S. 6)

Den Rahmen bildet das Handlungsfeld „Umsetzung der Strategie“. Festgehalten sind hier beispielsweise die nationale Koordination und die Schaffung von rechtlichen Grundlagen und Themen wie der „Einbezug der Forschung“, die „Aus- und Weiterbildung von Fachpersonen“ oder die „Massnahmen für die Bevölkerung“. Bund und Kantone müssen zusammenarbeiten, da der Bund im Gesundheitswesen über zu wenige Kompetenzen verfügt. Weiter müssen gesetzliche Grundlagen von Bund und Kantonen geschaffen und offene rechtliche Fragen beantwortet werden, welche mit der Umsetzung der drei Handlungsfelder zusammenhängen. (Bundesamt für Gesundheit – BAG, Strategie E-Health Schweiz, 27.6.2007, S. 7 – 8 )

Reaktionen auf die E-Health-Strategie

Die Strategie wird von Kantonen befürwortet. Konsumenten- und Patientenverbände stehen der Strategie eher kritisch gegenüber. Sie verlangen, dass bei der Umsetzung in erster Linie die Bedürfnisse und Möglichkeiten der betroffenen Menschen berücksichtigt werden. Die positiven Wirkungen von E-Health auf die Kosten im Gesundheitswesen werden von den Versicherern angezweifelt. Die Leistungserbringer wie Ärzte und Spitäler befürchten einen erhöhten administrativen Aufwand und stehen der Strategie eher skeptisch gegenüber. Dies auch weil die qualitativen Anforderungen an das elektronische Dossier sehr hoch sind und weil mit dem elektronischen Dossier ihr Handeln transparenter, rückverfolgbar und rekonstruierbar wird. (TA-Swiss – Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung, Informationsbroschüre „Unsere Gesundheitsdaten im Netz, e-health publifocus und elektronisches Patientendossier“, 2008, S. 6)